UNSER REDEBEITRAG IN HANAU

Ferhat, Gökhan, Mercedes, Sedat, Hamza, Kalojan, Vili Viorel, Fatih, Said Nesar, eine unbekannte Person, Gabriele.

[Auf der Kundgebung wurde fälschlicher Weise der Name eines Überlebenden verlesen. Dafür bittet die Sprecherin hiermit um Verzeihung. Der Überlebende und seine Familie bitten den Namen nicht weiter zu verbreiten. Daher wurde dieser ersetzt durch den Namen des beim Anschlag ermordeten Vili Viorel. Vili´s Name wurde erst spät bekannt. Wir gedenken auch ihm. Immer noch ausstehend ist die Identifikation eines weiteren Toten. Der Name der getöteten Mutter des Täters war uns bis dahin auch nicht bekannt. Daher fügen wir den Namen nachträglich hinzu. Wir möchten allen Ermordeten würdig gedenken. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir lediglich von 10 Ermordeten.]

In Gedenken an Sie, in unendlicher Trauer und mit rasender Wut versammeln wir uns heute hier: In den letzten Tagen wurden ihre Namen schon vielfach verlesen. Aber wir werden es immer wieder tun. Denn sie bleiben ab sofort unvergessen.

Gestern kannte ich sie noch nicht. Vor Mittwoch hätte ich sie wahrscheinlich nie kennengelernt. Wie vermutlich viele der Anwesenden. Ich stehe hier als Sprecherin unserer Initative aus München. Kein Schlussstrich war eigentlich ein Versprechen an die Angehörigen des NSU: Denn ihnen wurde Jahre lang ein würdiges Gedenken verwehrt, die Solidarität verweigert und Aufklärung verhindert. Sie gingen 2006 – fünf Jahre vor Selbstenttarnung des NSU auf die Straßen und forderten „Kein 10. Opfer“. Heute haben wir weitere 10 Opfer zu beklagen. Und mir wird erneut schmerzlich klar: Wir werden nie einen Schlussstrich ziehen können. Weil es immer gilt: Wir dürfen nie wieder wegsehen, nie wieder vergessen und nie wieder schweigen.

Genau deswegen wollen wir heute bei euch Angehörigen und Betroffenen hier in Hanau sein. Euch zur Seite stehen in eurer Trauer und gemeinsam würdig den Toten Gedenken. In Solidarität mit den Überlebenden. Mit euch die ihr Zeuginnen und Zeugen dieses rechtsterroristischen Massakers wurdet.

Dieses Mal wurden hier in Hanau eure Freunde, Geschwister, Töchter und Söhne, Mütter und Väter getötet. Es zerreißt uns das Herz.

Und genau darauf hat der Täter gezielt: In unser Herz. In unsere Mitte. In die der post-migrantischen Gesellschaft. Er hat die Orte aufgesucht, an denen wir arbeiten, wo wir gemeinsam Zeit verbringen und Spaß haben. Treffpunkte des alltäglichen Lebens also, gerade für junge Menschen. Der Anschlag 2016 am Münchner Olympia-Einkaufszentrum hatte auch genau diese Orte als Ziel.

Aber auch der selbsternannte Nationalsozialistische Untergrund hat die post-migrantische Gesellschaft an den Orten des alltäglichen Lebens angriffen und Menschen getötet: Am Blumenstand, am Kiosk oder im Imbiss. Denn das Ziel der Rechtsterrorist*innen ist es die Realität unserer post-migrantischen Gesellschaft anzugreifen.

Sie wollen diese Realität umwandeln. Im Sinne ihrer rassistischen, autoritären und menschenverachtenden Ideologie. Wie aus den kruden Botschaften des Attentäters hervorgeht war der Grund der Morde: Sein Vernichtungswille gegenüber allen People of Colour und antimuslimischer Rassismus. Seinen Antrieb bildeten antisemitische Verschwörungstheorien. Und sein antifeministischer Hass hat wohl seiner eigenen Mutter das Leben gekostet.

Wir dürfen den Täter nicht pathologisieren! Offensichtlich war der Täter zwar auch von krankhaften Wahnvorstellungen getrieben. Aber diese sind eben nicht ohne Grund rassistisch, antisemitisch und antifeministisch.

Es gibt keine rechten, verwirrten Einzeltäter! Die haben sich das nicht allein ausgedacht! Die Planung und Mittel der Tat, sowie die Ideologie fügen sich nahtlos in die perfide Logik der Terroranschläge Deutschlands ein.

Rassismen, Antifeminismus und Antisemitismus sind der Ursprung des Problems! Und sie sind Probleme der gesamten Gesellschaft: Alle dieser ideologischen Elemente lassen sich in hunderten Facebook-Posts von AfD-Anhängern erkennen. Werden auf Druck dieser Partei in den Parlamenten „diskutiert“. Sie werden ständig in deutschen Talkshows verbreitet. Und sie werden in der sogenannten Mitte geteilt.

Wir können nicht ausschließen, dass es weitere Unterstützer*innen gibt!
Anscheinend war der Täter legal im Besitz der Waffen und Mitglied eines Schützenvereins. Auch das sind mögliche Netzwerke und Orte an denen sich Gesinnungstäter sammeln können.

Wir werden nicht aufhören zu fragen! Gerade bei den hessischen Polizeistrukturen, die jetzt schon gemeinsam mit dem Generalbundesanwalt die Ermittlungen aufgenommen haben: Wir brauchen eine außerparlamentarische, zivilgesellschaftliche, unabhängige Beobachtung! Wir wissen um die Nazis in diesen Strukturen! Wir wissen um den institutionellen Rassismus bei staatlichen Ermittlungen! Und fordern umfassende Zugänge zu Akten!

DAS MORDEN MUSS AUFHÖREN! SOFORT! Wir sind in München am Donnerstag spontan mit 1000 Leuten auf die Straße gegangen. Genauso wie nach Halle und Kassel. Aber wir halten es nicht mehr aus, immer wieder das selbe Banner zu halten und uns die Kondolenz irgendwelcher Politiker*innen anzuhören. Lasst uns bitte ernsthaft zusammen – als Betroffene, als Antirassist*innen und als Antifaschist*innen – neue Strategien im Kampf gegen Rechts finden!

Solidarität mit den Betroffenen!

Wir alle gegen rechten Terror!