GEDENKEN AM 29. AUGUST

Habil Kılıç.

Ich kannte dich nicht. Aber ich weiß heute vor 18 Jahren wurdest du ermordet. Genau hier, in deinem damaligen Laden, hier in der Bad-Schachener-Straße, in München-Ramersdorf. Ganz in der Nähe hast du gewohnt. Deine Tochter war damals 12. Sie war mit ihrer Mutter im Urlaub in der Türkei. Von deinen zwei anderen Jobs hast du dich für diese Zeit beurlaubt, damit der Laden hier, der „Frischmarkthandel“ weiter läuft. Sonst hat meistens deine Frau den Laden geschmissen. Die Nebenklage Anwältin deiner Tochter, hat in ihrem Plädoyer erzählt, ihr wolltet euch als Familie „etwas aufbauen, auf eigenen Füßen stehen, unabhängig sein, auch etwas wagen“. Und trotz der Schwierigkeiten war es euch „den Einsatz wert.“ Deine Tochter hat, wenn sie mittags aus der Schule kam, oft in dem hinteren Raum des Ladens gesessen und dort ihre Hausaufgaben gemacht. Das Geschäft war “wie eine Art erweitertes Zuhause” geworden. Als dein Leben am 29. August 2001 ausgelöscht wurde, war du gerade einmal 38 Jahre alt.

All das weiß ich heute, weil 10 Jahre nach dem Mord an Habil Kılıç die Mörder sich selbstenttarnten. Es war der „Nationalsozialistische Untergrund“: Ein Netzwerk von Kameraden – so die Selbstbezeichnung. Habil Kılıç wurde, nach heutigen Erkenntnissen, das vierte Mordopfer des NSU. Heute wissen wir, dass militante Neonazis eingebunden in ihre Szene, angebunden an kriminelle rechte Strukturen, beobachtet vom Verfassungsschutz 13 Jahre lang raubend, bombend und mordend durch die ganze Bundesrepublik zogen. Ihren Neonazistischen Wahn vom angeblichen Untergang der „weißen Rasse“ wollten Sie, durch „führerlosen Widerstand“ verhindern. Zu den Taten soll es keine Bekennung geben, denn sind so angelegt, dass sie als Botschaft erkannt werden. Das strategische Ziel dahinter war Hass und Spaltung. Es gilt den von ihnen imaginierten vorbürgerkriegszustand – für den Migration & antisemitische Verschwörung verantwortlich gemacht werden – selbst zu einem „Rassenkrieg“ zu entfachen. Diese international verbreiteten Konzepte rechten Terrors bedienen sich rechtsterroristische Mörder bis heute.

Während der NSU die rassistischen Morde in Deutschland beging, 2000 – 2006, wurde die „Staatsbürgerschaftsdebatte“ geführt. Sollen Menschen wie Habil, durch den deutschen Pass die Möglichkeit auf gleiche staatsbürgerschaftliche Rechte erhalten, wie alle anderen die hier leben? Der NSU-Terror traf genau die Menschen, über deren Rechte und Zugehörigkeit hier diskutiert wurde. Der NSU-Terror war selbst justizielle Migrationspolitik. Unter den Betroffenen sollten Angst, Misstrauen und eine radikale Vertreibung evoziert werden. Die Strategie war, wie die Wissenschaftler*innen Kasparek und Karakayali, erklärten: „Ausbürgerung durch Mord“. Die Taten verfehlten ihren Zweck auch ohne Bekenntnis nicht. Den Hass und die Spaltung die Teil des Terrorkonzepts sind wurden ganz ohne zu tun des NSU von der Gesamtgesellschaft befeuert:


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Die Täter – Opfer Umkehr durch die rassistischen Ermittlungsbehörden

Einen Tag nach dem Mord, während seine Ehefrau Pinar Kılıç, Mittags in München vernommen wird – durchsuchen die Polizist*innen ohne abzuwarten und ohne ihre Anwesenheit die Wohnung. Belastendes wurde nichts gefunden. Einige Tage nach dem Mord, findet man in der Nähe des Ladens Drogen. Sofort wird das zentrale Tatmotiv im Drogenmilieu vermutet – weil Kılıç in den Großmarkthallen im München arbeite, die als Umschlagsplatz für illegale Rauschmittel bekannt seien. Der Chef der Münchner Mordkommission, Josef Wilfiling, sagte im NSU-Prozess dazu: „Jetzt soll man mal bitte nicht so tun, als ob es keine türkische Drogenmafia gibt.“

> Soziale Ausgrenzung und rassistische Phantasmen

Von rassistischen, falschen Zeugenaussagen aus der Nachbarschaft will ich gar nicht lange erzählen, stattdessen Rechtsanwältin Kaniuka in ihrem Plädoyer zitieren: „Wie geht eine Zwölfjährige, die gerade unter für sie unbegreiflichen Umständen ihren Vater verloren hat, damit um, wenn in der Schule geredet wird, er sei ein Drogenhändler oder bei der Mafia gewesen? Der Schulleiterin wäre es ohnehin am liebsten gewesen, wenn das Kind die Schule ganz verlassen hätte, ein entsprechendes Ansinnen hat sie damals ganz offen an die Mutter herangetragen. Es hieß, man müsse die übrigen Schüler schützen und an deren Sicherheit denken. Wovor denn schützen und vor wem? Man muss sich mal in die Situation des Kindes und seiner Mutter versetzen: Aus der unauffälligen, normalen und völlig harmlosen Mitschülerin vor den Ferien war ein paar Wochen später ein vermeintliches Sicherheitsrisiko geworden, zu dem man sie kurzerhand auf der Grundlage von Gerüchten und Spekulationen erklärt hatte. Wenn jemand Schutz und Unterstützung gebraucht hätte, dann sie selbst.“

Das die perfide Strategie des NSU mit der gesellschaftlichen Reaktion erst ihre volle Wirkung erzielte, zeigt sich im Bekennervideo. Dort ergötzen sie sich über zahlreiche rassistische Berichte. Später wird Zschäpes Fingerabdruck auf extra ausgeschnittenen Zeitungsartikeln zu Habil Kılıç‘s Mord gefunden. Die gesellschaftliche Reaktion bestärkte das Sicherheitsgefühl des NSU. Wir müssen uns nochmal klar machen: Genau neben dem Tatort arbeiten Dutzende von Polizisten in einer großen Polizeiwache, hinter dem Gebäude ist auch das Münchner Hauptquartier des bayrischen Unterstützungskommandos (USK)*.

Dennoch hat es der NSU nicht geschafft Familie Kılıç zu vertreiben. RAin Kaniuka erklärte für ihre Mandantin im Prozess abschließend : “Sie, Frau Zschäpe, haben ihr mit dem Mord an ihrem Vater großes Leid zugefügt, das ihr Leben geprägt hat. Aber ich kenne Frau Kılıç als eine starke Persönlichkeit, deren Seelenfrieden nicht davon abhängt, ob Sie am Ende vielleicht doch noch einen Schritt in Richtung der Nebenkläger tun, so wünschenswert das auch wäre. Trotz der Steine, die Sie ihr in jungen Jahren den Weg gelegt haben, und allen Schwierigkeiten zum Trotz hat sie erfolgreich ihren Weg gemacht und ihren Platz gefunden. Sie lässt sich nicht vertreiben, ebenso wenig wie ihre Mutter, beide gehören hierher, ebenso wie Herr Kılıç hierher gehört hat.”

Migration ist unumkehrbar und Rassismus ist das Problem. Lasst uns heute und für immer an Habil denken. Seine Geschichte erzählen. An die Tat erinnern, damit sie sich nie wiederholt. Es kann kein Schlussstrich gezogen werden solange die Angehörigen nicht Gerechtigkeit erfahren, solange nicht jedes Detail geklärt ist und solange Rassist*innen versuchen uns zu spalten. Kein Vergeben! Kein Vergessen! Kein Schlussstrich!

In Solidarität mit Familie Kılıç. Und in Gedenken an alle Opfer des NSU und Betroffenen rechter Gewalt!

*USK – Spezialkräfte für besonders gefährliche Situationen

Redebeitrag bei der Gedenkkundgebung an Habil Kılıç, gehalten am Tatort, von Patrycja Kowalska am 29.08.2019 für das Münchner Bündnis gegen Naziterror und Rassismus

Quellen: Aust, Laabs (2014): Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU

NSU-Watch-Blog (2018): https://www.nsu-watch.info/2018/02/tageszusammenfassung-des-410-verhandlungstag-07-februaer-2018/

Blog der Nebenklage (2018): https://www.nsu-nebenklage.de/blog/2018/02/08/07-02-2018/