BEITRAG BEIM ANTIRASSISTISCHEN STADTRUNDGANG

Diesen Redebeitrag haben wir beim antirassistischen Stadtrundgang am 7. Januar in München gehalten:

Wir stehen hier am Denkmal der Opfer des Anschlags vom 26.September. 1980. Uns allen besser bekannt als „Oktoberfest-Attentat“. 13 Menschen wurden getötet, 200 weitere zum Teil schwer verletzt. Der Täter war Teil der neonazistischen „Wehrsportgruppe Hoffmann“. Die offizielle Erklärung: Einzeltäter

Die staatliche Anerkennung des Attentats als rechter Terror bleibt bis heute aus. Auch wenn die Ermittlungen aktuell nach 37 Jahren wieder anlaufen, wurden sie auch wegen Quellenschutz von V-Männern jahrelang verhindert: dieses Attentat steht in vielen Hinsichten paradigmatisch für den Umgang mit rechtem Terror:

Für: Die Kontinuität rechten Terrors
Für: das Täter*innen-Netzwerk
Für: das Verkennen und Verharmlosen rechten Terrors
Für: die vielen offenen Fragen

Wenige hunderte Meter Luftlinie von hier, an einem anderen Tatort, wird 2005 ein Mensch von Nazis getötet. Jahrelang steht er selbst und seine Familie unter Verdacht Kriminelle zu sein.

Ich meine die Trappentreustr. 4. Wo Theodoros Boulgaridis am 01. Juni 2005 mit einem Geschäftspartner ein Schlüsseldienstgeschäft aufgemacht hat. Und nur zwei Wochen später, am 15. Juni, wird er mit drei Kopfschüssen in seinem Laden hingerichtet. Die Medien berichten: „Die Türken Mafia hat wieder zugeschlagen.“ „Münchens zweiter Döner Mord“

Theo ist im Alter von 9 Jahren mit seiner Familie aus Griechenland nach Deutschland gezogen. Und wurde im Alter von 41 Jahren von den Rechtsterroristen des NSU getötet.

Rechte Terroranschläge sind immer Botschaftsangriffe und sollen Angst und Schrecken verbreiten. Die tödliche Ideologie ist immer die gleiche. Der Unterschied liegt im Motiv: Hier ist es Rassismus.
Das mörderische Vertreibungskonzept des NSU, wurde durch den Rassismus und gesellschaftlichen Ausschluss der Hinterbliebenen verschlimmert.

So fällt noch eine andere Konstante im öffentlichen Umgang mit rechtem Terror auf: die Täter -Opfer Umkehr. Denn bei rassistischen Morden wird dann trotz aller Widersprüche die Schuld bei den Betroffenen gesucht: Das war organisierte Kriminalität. Die Türken-Mafia. Er hat sich selbst angezündet.

Warum schließen sich bei migrantischen Opfern meistens der Institutionelle, der gesellschaftliche und auch der alltägliche Rassismus an? Reicht denn der rechte Terror nicht aus? Warum ist die typische Reaktion der Öffentlichkeit auf Rassismus, noch mehr Rassismus? Liegt es an der deutschen Geschichte?

Es ist sozusagen deutsche Tradition. Mit der Wiedervereinigung erlebte ja nicht nur der deutsche Nationalismus einen Wiederaufschwung, sondern mit ihm auch die rechte Gewalt. Rassistische Gewalt gegen Geflüchtete und Migrant*innen.

Rostock – Lichtenhagen 1991, Mölln 1992 und Solingen 1993 sind die tragischen Höhepunkte dieser Gewalt. Die politisch, gesellschaftlichen Antworten waren rassistisch: zB die faktische Abschaffung des Grundrechts auf Asyl. Heute erleben wir ein ähnliches Revival.

Die Betroffenen der Gewalt sind Geflüchtete und vor allem türkische Familien, die die größte migrantische Community in der BRD. sind So lässt sich feststellen, dass ab den 90er Jahren und spätestens nach 9/11 sich verstärkt antimuslimischer Rassismus ausbreitet.

OK, aber was nützt uns diese Analyse, wie hilft uns dieses Wissen weiter, wenn sich der Umgang wiederholt?

Ibrahim Arslan -Überlebender des Brandanschlags in Möll 1992 – fordert: „Die Betroffenen von Rassismus sind keine Statisten. Sie sind Hauptzeug*innen des Geschehens!“ Wenn wir den Hinterbliebenen und Betroffenen des NSU-Terrors zugehört hätten, wäre die Wahrheit viel früher ans Licht gekommen.

Daraus müssen wir lernen. Und genau deswegen rufe ich: Hiç unutmadık, hiç unutmayacağız

Niemals haben wir vergessen, Niemals werden wir vergessen

Wir erinnern und wir kämpfen

Um die Frage also mit Kutlus Worten zu beantworten:

„Autarkes Gedenken, autarker Protest
Fremde, Freunde in Inis vernetzt
Ab jetzt gemeinsam mit Tat und Wort
Niemand wird vergessen, Oury Jalloh es war…“

Englisch:

We are gathered here at the memorial for the victims of the attack at 26 September 1980. Well known as “Oktoberfest-attack”. 13 people were killed, 200 more partly badly hurt. The assassin was member of the neonazi Group “Wehrsportgruppe Hoffmann”. The official explanation: an individual perpetrator.

The state recognition as extreme right terror has still not taken place. Even though the investigations were opened currently anew, after 37 years, they have been stopped for years also due to protection of secret service sources. This assassination stands paradigmatically for the treatment of rightwing terrorism.

For the continuity of rightwing terrorism

For the network of perpetrators

For the misjudgment and belittling

For all of the open questions

Just some hundred meters linear distance away, at another crime scene, a person is killed 2005 by fascists. For years he himself and his Family are suspected to be criminals.

I am talking about the Trappentreustraße 4. Where Theodoros Boulgaridis opened up a key service with his business associate at the first of June 2005. Just two weeks later at the 15 of June he was executed with three shoots in the head at his shop. The media cover: “ The Turkish mafia has struck again” “munichs second döner killing”
Theo moved at the age of 9 with his family from Greece to Germany. At the age of 41 he was killed be the Neonazi Terrorist of the NSU.

Fascist Terrorist Attacks are always attacks that convey a message and should spread fear and horror. The deadly ideology is always the same. But the motive differs here: It is rasicm.
the murderous expulsion concept of the NSU, was aggravated by the racism and social exclusion of the surviving dependents.

So here we find another constant in the official treatment of rightwing terrorism: the reversal of perpetrator and victims. When racist murders take place -in spite of all contradictions- the Affected will be blamed. It was organized crime. The Turkish Mafia. He inflamed himself.

Why does the institutional, societal and everyday racism follow migrant victims? Isn´t the rightwing terror enough? Why is the typical reaction to racism of the general public, racism? Is it because of german history?

Somehow it is German tradition. With the german reunion not only the german Nationalism was in revival, but alongside rightwing violence. Racist violence against refugees and migrants.

Rostdock – Lichtenhagen 1991, Mölln 1992 and Solingen 1993 are the tragic peaks of this violence. The political, societal answers was racist: eg. The actual removal of the constitutional right for asylum. Today we are experiencing a similar revival.

The affected of violence are refugees and Turkish families, who are the biggest migrant’s community in Germany. We can state that from the 90ies and at the latest after 9/11 antimuslim racism is spreading.

Okey. But is this analysis usefull, does it help, if the treatment is repeated?

Ibrahim Arslan – survivor of the arson attack in Mölln 1992 – demands: “ The affected of racism are not extra figures. They are the main witnesses!” If we had listend to the survivors and affected of the NSU Terror, the truth would have come to light much sooner.

Out of this we have to learn. And this is the reason why I shout out: Hiç unutmadık, hiç unutmayacağız

Never did we forgot, never will we forget

We remember and fight

To answer the question with Kutlus words:

Independent memory, independent protest
strangers, friends connected
from now on together with word and deed
No one will be forgotten, Oury Jalloh it was …